
2010 ging allerhand drunter und drüber.
Gutes und weniger Gutes gingen Hand in Hand einher. Und obwohl sich unzählige Momente nur so dahin schleppten, die Zeit oftmals beinahe still zu stehen schien, ist es wie im Fluge vergangen.
Meine Lieblingsweisheit zum Thema Zeit stammt übrigens von Tomi Ungerer:
Die Sekunden beneiden die Stunden, die Wochen sind eifersüchtig auf die Jahre und die Jahrhunderte trauern dem Augenblick nach.
Und da stellt sich sich mir die Frage, welche Augenblicke, vom Sterbebett aus betrachtet, die bedeutendsten sein werden.
Die triumphale Feierei anlässlich der erhaltenen Hochschulreife? Das Öffnen des verheißungsvoll knisternden Briefes mit dem Absender der Universität? Die Nonchalance, mit der ich den Schlüssel zu meiner ersten eigenen Wohnung im Türschloss drehte?
Wahrhaft bedeutend sind doch nur die Menschen, mit denen wir dieses Jahr geteilt haben. Nicht alle, auf keinen Fall. Aber doch jene, die wir mit in das nächste Jahr genommen haben. Jene, die uns Kraft gegeben, Angst genommen und zum Lachen gebracht haben. Danke.
Auch nicht ganz unwichtig: Der Soundtrack des Jahres.
Viele Festplattenfunde. Musik, die in den Tiefen des Speichers vor sich hin schlummerte. Und durch einen spontanen Mausklick zum Leben erweckt wurde. Smoosh, Portishead, Loquat. Für gewöhnlich bevorzuge ich ja Männergesang, aber wie es eben so ist: Ausnahmen bestätigen die Regel.
Ein wenig Oldie but Goldie. Tears For Fears nämlich. Plötzlich hatten sie mich einfach, die Wave-Brits.
Außerdem befiel mich die ganz große Soundtrack-Liebe: Hans Zimmer. Hervorgerufen durch den Inception-Soundtrack. Einfach unfassbar gut!
Traumhaft gut war die Entdeckung von Gisbert zu Knyphausen. Ein Musikant mit Herz!
Eine tolle Wiederentdeckung gab es auch: Blumentopf. Wurde mir 2007 noch mit den Worten ''Ich weiß, du bist zu intelligent für HipHop, aber das musst du dir mal anhören.'' Block und Bleistift empfohlen, so kann ich heute sagen: HipHop muss nicht dumm sein. Gewitzt und clever besingen die Bayern die Welt. Und ich liebeliebeliebe sie.
Ihr Album Wir wurde zum Soundtrack meines Umzugs.
Es gab irgendwie schon Bekanntes. Nach dem besuchten Menomena-Konzert (In einem Wort: Sagenhaft!) brauchte ich etwas, das ebenso klingt, jedoch nicht unter dem Vergleich mit dem live Gehörten leiden musste. Glücklicherweise hat Brent Knopf noch ein Nebenprojekt, Ramona Falls. Ich war gerettet.
Und die wohl seltsamste Musik-Liebe: Rammstein.
Lieben lernen, was man zu hassen meinte...das ist verwirrend.
Wann immer ich von übelriechenden Artgenossen umgeben bin, deren Annäherung ich auf das dringlichste vermeiden möchte, gibt es nichts besseres, als die Vorreiter der Neuen Deutschen Härte durch meine Gehörgange zu jagen.
Und überhaupt. Ich denke viel zu viel in mich hinein. Auf einem Blog fand ich die Formulierung 'Ich bin ja mehr so der Implosionstyp.'. Und genau das bin ich.
Da hilft mir Rammstein gewissermaßen. (Vielleicht ist das jetzt aber auch nur eine der zahlreichen Ausreden, mich nicht körperlich betätigen zu müssen. Hm. Ich wohne im vierten Stock! Das muss genügen.)
Ich hoffe, ich mache hier niemandem Angst. ;]
Ich mag Gegensätze. Vielleicht definieren sie mich sogar. Mein Musik-Geschmack ist recht bunt, meine Kleidung von Zeit zu Zeit ebenso. Trash wird unterschätzt. So habe ich mir zum Beispiel aus Barbieschuhen Ohrringe gebastelt. Und für meine erste eigene Wohnung musste ich unbedingt meinen Barbie-Wecker aus dem Keller kramen. Das hindert mich aber nicht daran, Dickens, Irving oder gar Pynchon zu lesen. Oder etwa Rammstein zu hören.
Vorhersehbarkeit finde ich nämlich eher unerstrebenswert.
Wer dem Teutonengesang nichts abgewinnen kann, sollte dennoch einmal in die Orchester-Versionen reinhören, die ich auf Youtube entdeckt habe. Sogar Frau Mama ist begeistert. Und sie ist die einzige, die bei Herr Papa im Auto beim Einlegen eines Rammstein-Albums nicht in Jubelgebrüll ausbricht.
Und das Lied, das wohl am häufigsten dudelte (Ein Wunder, dass sich meine Kopfhörer nicht erbrochen haben.) ist Luftbahn von Deichkind. Es gab eine Woche, in der ich das Lied und nur das Lied gehört habe. Ohne die geringste Langeweile zu verspüren.
Ich hör's einfach gleich nochmal...
2010 im Buch: Es gab ja so unendlich viele tolle Bücher!
Meine liebsten Lieblinge sind jedoch: Die Einsamkeit der Primzahlen, Mathilde und die Marseille-Trilogie.
Die Primzahlen sind wie ein Kuss mit blutig aufgeschürften Lippen. Unendlich zart. Und zugleich schmerzhaft.
Mathilde ist wie eine frische Brise. Lässt den Leser wohlig frösteln. Treibt ihm die Tränen in die Augen und weht sie im nächsten Moment wieder fort.
Und die Marseille-Trilogie. Ja. Die ist Sehnsucht in Reinform. Nimmt einen auf eine Reise mit, von der es keine Wiederkehr gibt. Ich denke noch oft an sie zurück, habe mir jedoch vorgenommen, sie frühestens nächsten Sommer wiederholt zu lesen. Fabio Montale, du fehlst. Du fehlst mir von ganzem Herzen.
Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich dieses Jahr Amazon Marketplace für mich entdeckt habe. Leider. Oder glücklicherweise?
Meine Neuerwerbungen sprechen für sich.
Und n e i n, ich werde sie nicht zählen. Das würde mich sonst noch in meinem Kaufverhalten beeinflussen. Und das will ich nicht.
Ich brauche die Bücher halt...
[Die Fotografie stammt übrigens von Robert Doisneau, meinem absoluten Helden. Und es erinnert mich an die Aristocats, einen meiner absoluten Lieblingsfilme.]
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